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Mitgift

Februar 2024

No. 25

Mitgift

aus dem Kroatischen von Marie Alpermann

OT: Moja Dota unter dem Nom de Plum Nora Verde bei ocean more, Zagreb, 2021

ET: Februar 2024

Seiten: 224

Ausstattung: HC, Lesebändchen, bedruckter Vorsatz

ISBN: 978-3-949558-21-4

Preis: 22,- € [D] / 22,70 € [A]

„Antonela Marušić portraitiert die Orte, die Menschen und die Ereignisse und zeigt das Beste an ihnen, selbst in den Momenten, da sie besonders furchtbar sind. Sie verführt uns regelrecht mit ihrer Prosa.“ Vid Barić

Nela, die Kleene mit der Prinzeisenherz-Frisur auf dem Fährboot in gelben Yugo-Plastik-Sandalen und dem mütterlichen Proviant ist schüchtern und würd‘ doch so gern mit den Fremden sprechen, giert nach dem Buntaufregenden, Unbekannten. Am Hafen wartet die Oma, die läuft wie ein Cowboy, sie schmeißt das rechte Bein zur Seite, als wäre ihr linkes kürzer. Wir gehen über den Kai zurück, um möglichst wenig bekannte Gesichter zu treffen, auf diese Weise kommen wir schneller zu Hause an.

»Auf gehts, auf gehts«, treibt sie mich an. Unser Haus befindet sich im Viertel Mrki Rat, ganz oben, am Ende einer schmalen, steilen Gasse mit dem schönsten Blick über die ganze Bucht. Unterwegs quatschen wir über Gott und die Welt, wie zwei Freundinnen, die sich Jahre nicht gesehen haben.

Als Cowboy ausstaffiert, mit Schlapphut, Blechstern und Plastikkugelpistole, reitet Nela auf der altgedienten Eselin, unter dem Sattel eine Decke, die noch aus El Shatt stammt, um die Oma frühmorgens zur Feldarbeit zu begleiten. Die Wildkräuter, Hülsenfrüchte, und vor allem die Nespola, die die Oma hurtig wie ein junges Mädchen über die Trockenmäuerchen kletternd stibitzt, führen zu köstlichen Speisen, deren Zubereitung „wie’s Gott gefällt“ in keinem heutigen Rezeptbuch zu finden ist. Denn Liebe und uraltes Wissen sind darin die wichtigsten Zutaten.

Auf dem Hof aber kommt es unweigerlich, auch wenn Nela noch so brav den guten Enkelsohn macht, zu brutaler Gewalt: der Barba, der älteste Sohn der Großmutter, Rückwanderer aus dem einstigen Auswandererparadies Australien, lässt ungebremst seine Frustration an der Schwächsten aus: (…) hält mich an der Schulter fest und rüttelt daran. Zieht den Gürtel aus seiner Hose und schlägt mir damit auf die Füße. »Himmel, Arsch und Zwirn, du gibst mir nich so patzige Antworten!« Ich halte die Arme über meinen Kopf und vors Gesicht, keine Chance, seine Hände sind schwer und schnell, und wenn er mit dem Gürtel ausholt, brennt die komplette Haut an der Stelle, auf die er geschlagen hat, ich bekomme kaum Luft. Auf einmal hält er inne, und ich sehe, wie Oma hinter ihm steht und etwas zu ihm sagt. (…)

Doch die Prügel meines Barba sind für mich ein Lehrgang in beruflicher Orientierung: Seit jenem Tag, grünschnäblig und wütend wie ich bin, stähle ich meinen Willen, um eines Tages eine schreibende Rächerin zu werden.

Meine Waffen waren Worte, seine – rohe Gewalt. Er hatte jedes Mal gewonnen, allerdings nie endgültig, er musste immer wieder von Neuem beginnen, erneut zuschlagen. Er schien sein Werk nie beendet zu haben. Im Sitzen mustere ich ihn, suche seinen Körper nach Ähnlichkeiten mit meinem ab. Kann ich vielleicht eine Falte in seinem Gesicht finden, die das Produkt meines Trotzes, meiner Dickköpfigkeit ist? Ich verliere mich in den Linien seiner Haut wie in den engen Gassen des Spliter Ghettos, durch die ich als Teenagerin gern allein gestromert bin, »meinen eigenen Stil« üben.

Beharrlich fragt sie die Großmutter, mit der sie seit dem Tod des Großvaters, in einem Bett schläft, nach dessen Leben aus: schließlich reden alle Jungs davon, dass ihre Opas im Krieg waren und ganz viele Deutsche und Italiener umgebracht oder gefangen genommen haben.

»Dein Dida wollt partout nicht kämpfen, als der Krieg angefangen hat, er wollt nicht zu die Partisanen, eine Weile hams ihn ständig gerufen und gedroht, dass ihn festnehmen und mit dem Schiff nach Vis bringen.«

»Aber warum?«

»Er wollt seine Familie nich allein lassen«, sagt sie nach kurzer Pause. »Ja, Politik war nicht so seins, nicht wie mein Bruder. Er war ein armer Bauer und hat nix von Militär und Gewehren verstanden.«

Am liebsten erzählt die Großmutter von der Zeit 1944, als sie mit ihren beiden Jungs in ein englisches Gefangenenlager nach Ägypten deportiert wurde. Ich bin der Meinung, dass über das El Shatt meiner Oma ein Film gedreht werden sollte – mit ihr in der Hauptrolle. Ihre Geschichte ist spannender als die von Indiana Jones. (…) In meinen Augen ist Oma eine große Weltreisende, eine Frau, die in Ägypten gelebt hat, mit Arabern und Kamelen, die so viele in meinen Ohren merkwürdig fremd klingende Namen von Städten kennt, in die ich niemals fahren werde, und die das alles überlebt hat und mit meinen beiden Onkeln, Barba Kuzma und Barba Vice, lebend zurück nach Hause gekehrt ist.

»Siehst, nur deine Oma kann das so schön erzählen, ich erinner mich bloß mehr an die unangenehmen Geschichten«, gesteht ihr eine Großtante auf einem Familienfest.

Der Stolz auf die Zeit in El Shatt bleibt mir ein dauerhafter Schatz, die Mitgift meiner Oma, von der ich über viele Jahre hinweg zehre, die aber immer weniger Platz in meinem Gedächtnis einnimmt.

Und die Autorin hat daraus Seiten voller Poesie und Politik entstehen lassen. Zum Glück, denn so erfahren wir Lesenden voller Dankbarkeit eine große Bereicherung.

 

 

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