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Eine wahrhaft schreckliche Geschichte zwischen Sizilien und Amerika
  • Edition CONVERSO
  • Eine wahrhaft schreckliche Geschichte zwischen Sizilien und Amerika

März
2019

Nr. 2

Enrico Deaglio

Eine wahrhaft schreckliche Geschichte
zwischen Sizilien und Amerika

Essay

Aus dem Italienischen von Klaudia Ruschkowski

OT: Storia vera e terribile tra Sicilia e America
(Sellerio editore Palermo, 2015)

Seitenanzahl: 232
Ausstattung: Hardcover gebunden, mit Lesebändchen und bedrucktem Vorsatz
mit zahlreichen S/W und farbigen Abbildungen

ISBN: 978-3-9819763-1-1
Preis: € 23,00 [D]  |  € 23,70 [A]

Enrico Deaglio rekonstruiert mit erzählerischer Kraft und der journalistischen Bravour eines Truman Capote diesen Fall von Lynchjustiz, der sich 1899 einige hundert Kilo­meter nördlich von New Orleans zutrug und wie ein film­reifer Thriller beim Lesen Gänsehaut erzeugt.

In einer heißen Nacht im Juli 1899 war das unbekannte Städtchen Tallulah – ein winziger Fleck auf der Landkarte der Neuen Welt Schauplatz einer kollektiven, grundlosen und grausamen Lynchjustiz. Der Auslöser? Eine Ziege,
die sich am Gras des Nachbargartens gütlich hielt,
machte den weißen Gartenbesitzer so wütend, dass er
das Tier erschoss. Daraufhin kam es zu einer größeren Schießerei. Unmittelbar fand sich eine weiße Menschen­menge zusammen und lynchte in einer Kollektivvergel­tung fünf Menschen. Bei denen handelte es sich nicht um „Neger“, wie es in jenen Gegenden gang und gebe war („strange fruits“, Billy Hollyday), sondern um sizilianische Bauern, alle aus ein und derselben Familie, die aus der sizilianischen Stadt Cefalù ausgewandert waren. Vergeblich verlangte die italienische Regierung nach Erklärungen, erhielt jedoch eine finanzielle Wiedergut­machung. Damit war für die Amerikaner die Sache erledigt. „In Wahrheit“, so bemerkt Enrico Deaglio,
„hatte die Geschichte wesentlich größere Ausmaße.
Größer bedeutet hier sehr viel grauenvoller, infamer, mysteriöser, aber auch abenteuerlicher und beinahe
wie im Märchen.“

Deaglio folgt den Fährten einer literarischen Wahrheit, erforscht die Orte des Geschehens, gräbt Bruchstücke
von Erinnerungen und zu archäologischen Fundstücken gewordene Zeugnisse aus, umreißt die menschlichen Konturen einer allumfassenden Gewalt. Doch Hinweis
um Hinweis, Spur um Spur, weitet sich diese Geschichte zwangsläufig und enthüllt so, in jenem kollektiven Ver­brechen nur die Zuspitzung eines sehr viel breitgefä­cherten Szenarios. Hier war eine Wirtschaftsmacht am Werk, die eine neue „verfluchte Rasse“ brauchte und eine solche in den schlechtbeleumundeten sizilianischen Arbeitern („Dagos“) fand, eine Rasse, die die Stelle der befreiten Sklaven auf den Pflanzungen und Feldern einnehmen sollte. Eine transozeanische Deportation,
die zu Zeiten Garibaldis konzipiert und von rassistisch gesinnten Wissenschaftlern, Landbesitzern, Regierenden während des Risorgimento befeuert wurde, welche allesamt von ihrem neuen Volk erschreckt waren,
ein geheimes Zeugnis der Geburt eines neuen Italiens.

Deaglio begibt sich mit den Gegenständen aus einem vergessenen Koffer auf die lange Reise hin zum Galgen
in Tallulah: Das beunruhigende Gemälde des Antonello di Messina: die Ähnlichkeit der Augen und der Haut des Portraitierten mit denen der armen Lynchopfer;
die Anzeichen ihres Umherschweifens zwischen Aufstän­den und Pogromen; die Utopie der Erde, der mythischen Gründung des „neuen Palermo“ an den Ufern des Mississippi, eine Brillantbrosche, die verschwindet.
Wer und was hat diese fünf Underdog aus Cefalù getötet?

 

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„Das Faszinierende an Deaglios ‚Wahrhaft schrecklicher Geschichte‘ ist nicht nur das Sujet, sondern auch die hybride Form. Dem Autor gelingen immer wieder überraschende Verknüpfungen (…). Am erschütterndsten aber ist die Erkenntnis, dass die Jagd auf die gut integrierten Dagos für die – weißen – Einwohner von Tallulah eine Funktion erfüllte: Der Blutrausch schmiedete die Gemeinschaft zusammen. Endlich hatten sie einen Sündenbock – die Störenfriede aus dem fernen Sizilien. Sie waren ja nicht einmal weiß. Immer wieder drängen sich Parallelen zum heutigen Italien auf, das mittlerweile ersehntes Ziel Tausender afrikanischer Flüchtlinge ist.“ Maike Albath, Süddeutsche Zeitung

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