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„Es ist vielleicht auch die Angst vor Stabilität und Ordnung, die man hier nie wirklich gekannt hat“

„Es ist vielleicht auch die Angst vor Stabilität und Ordnung, die man hier nie wirklich gekannt hat“: Chaza Charafeddine über Leben und Kunstschaffen im Libanon

Die libanesische Autorin und Künstlerin Chaza Charafeddine hat lange Zeit in Deutschland gelebt, 2007 ist sie nach Beirut zurückgekehrt, in eine Stadt und ein Land, die nicht zur Ruhe kommen. Ina Weinrautner hat vor Ort mit ihr gesprochen, über die Situation der Menschen im Libanon, ihre eigene Emigration und Rückkehr, ihre vielseitige künstlerische Arbeit und ihre Auseinandersetzung mit Kafka und der Vaterfigur.

Wer sich in Deutschland über dein Heimatland, den Libanon, informiert, erfährt vor allem von Krisen: Eine Explosion zerstörte im August 2020 weite Teile der Stadt Beirut, das Land befindet sich in einer der schlimmsten Wirtschaftskrisen, die Währung verfällt, die Bevölkerung verarmt. Viele Menschen sehen keine Zukunft und verlassen das Land. Du nicht. Weshalb bleibst Du hier?

CH: Nach dem wirtschaftlichen Kollaps und der anschließenden Explosion hatten ich und viele andere das Gefühl, heimatlos geworden zu sein. Dieses Gefühl kam vor allem daher, dass ein Großteil unserer Stadt zerstört wurde, aber wir bis heute nicht wissen, was genau passiert ist. Zuvor hatten die Menschen von heute auf morgen ihr ganzes Geld verloren, genauer: Die Banken haben sämtliches Geld und damit die Ersparnisse der Menschen beschlagnahmt. Viele Libanesen sind nun gezwungen, ein Leben in Armut zu führen, obwohl sie die finanziellen Mittel für ein würdevolles Leben hätten. Es ist, als ob niemand für diese Stadt Verantwortung trägt, als wäre sie ein rechtsfreier Raum und die Menschen, die darin leben, nur Figuren in einem Film.

Wir leben in einem Land, in dem man keinen Schutz hat und nichts endgültig ist. Alles kann sich von heute auf morgen ändern. Heute sind wir von der syrischen und der israelischen Besatzung befreit, morgen schon könnten wir erneut von irgendjemandem besetzt werden. Heute gibt es einen „Waffenstillstand“ zwischen den verfeindeten Parteien, aber morgen kann es eskalieren und dann könnten wieder Bomben fallen. Auf der anderen Seite liest man in den Nachrichten, dass trotz der schlimmen aktuellen Lage hinsichtlich der Stromversorgung und anderer infrastruktureller Probleme diesen Sommer eine Million Touristen nach Libanon kommen werden. Das sind wahrscheinlich zu 90 Prozent Libanesen, die im Ausland leben, also keine richtigen Touristen. Aber sie könnten ihre Ferien auch an einem Ort verbringen, wo es zumindest Strom gibt, um die Sommerhitze ertragen zu können, und ein Minimum an Sicherheit … So wie diese Touristen könnte ich auch in Deutschland, meiner zweiten Heimat, leben, wo es (unter vielem anderem) Recht und Gesetz, medizinische Versorgung, sauberes Wasser und Lebensmittel, Strom und schnelles Internet gibt. Aber ich bleibe hier. Die Libanesen beschweren sich ständig über die Instabilität des Landes, aber irgendwie hat man den Eindruck, dass sie davon abhängig geworden sind. Wie soll man sonst die letzten Parlamentswahlen verstehen, in denen die Mehrheit der Libanesen die Kriegsverbrecher, die maßgeblich am Bürgerkrieg beteiligt waren, und die korrupten Politiker, die das Land ruiniert haben, wiedergewählt haben? Es ist nicht nur eine Frage des Konfessionalismus und der Angst vor dem Anderen. Es ist vielleicht auch die Angst vor Stabilität und Ordnung, die man hier nie wirklich gekannt hat. Möglicherweise gefällt es den Libanesen in einem Staat zu leben, wo alles „relativ“ ist – vor allem das Gesetz … Eine Freundin sagte einmal, einer der Unterschiede sei, dass man in einem „richtigen“ Land keinen „Fehler“ machen dürfe, nicht einmal einen harmlosen wie z. B. falsch parken. Ich glaube, dass die meisten Menschen es sich wünschen, in einem Rechtsstaat zu leben, aber vielleicht lassen sich Recht und Ordnung nicht mit einem System vereinbaren, in dem man bei solchen „Fehlern“ zu 90 Prozent ungestraft bleibt. Ich glaube die Libanesen wollen beides, und deswegen wird es vielleicht nie einen Rechtsstaat geben. Es ist ein richtiges Dilemma, und bis es geklärt ist, bleibe ich, weil ich (neben zahlreichen anderen Gründen) hier diese kleinen Fehler machen darf.

Im vergangenen Jahr ist Dein Buch „Beirut für wilde Mädchen“ auf Deutsch erschienen. Literaturliebhaber in Deutschland kennen Dich vor allem als Schriftstellerin. Tatsächlich aber bist Du ganz vielfältig kreativ unterwegs.

CH: Ich habe tatsächlich ein Problem mit festen Zuschreibungen. Wir leben in einem System, wo Berufe gern festgelegt werden. Ich habe immer Schwierigkeiten gehabt, mich beruflich zu definieren. Ich sage am liebsten, dass ich künstlerisch tätig bin, und wähle je nachdem, woran ich gerade arbeite, und je nach Thema das Medium, das mir am passendsten erscheint. Etwa Fotografie, Performance, Schriftstellerei oder auch „Abschreiben“, wie bei „Letter to the Father“.

„Beirut für wilde Mädchen“ habe ich im Sommer 2006 geschrieben, während oder kurz nach der israelischen Invasion. Zu der Zeit lebte ich in Berlin und überlegte, ob es nicht an der Zeit wäre, in den Libanon zurückzukehren. Ich saß in einem Café, als diese Erinnerungen unerwartet zurückkamen, und ich fing an, sie aufzuschreiben. Ich habe damals gar nicht ans Publizieren gedacht. Es war eher eine Art Vorspiel, in dem ich meine Überlegungen, in den Libanon zurückzukehren, testete und mein bisheriges Leben dort Revue passieren ließ.

Aktuell nimmst Du mit Arbeiten an der Ausstellung „DISTANT DIVIDES – Zwischen Libanon & Deutschland“ in Leipzig teil. Du zeigst dort einen Teil Deines Kafka-Projekts „Brief an den Vater“. Wie sehr ist die Arbeit von Deiner Auseinandersetzung mit der Vaterfigur geprägt?

CH: Es ist natürlich kein Zufall, dass ich Kafkas Brief an seinen Vater als Vorlage für diese Arbeit gewählt habe. In den 16321 Wörtern des Briefes steckt sehr viel Bewunderung und ebenso das Gegenteil von Bewunderung für den Vater.

Als ich mit 18 Jahren den Libanon verlassen habe, wollte ich nicht dem Bürgerkrieg, sondern vor allem der Autorität meines Vaters entfliehen. Die Flucht vor der traditionsbeladenen Erziehung war die einzige Möglichkeit für mich als junger Mensch, der sich entfalten und die Welt entdecken wollte. In „Beirut für wilde Mädchen“ spreche ich vor allem darüber und über das, was mein Leben in Deutschland in mir verändert hat. Die Ausstellung „Letter to the Father“ ist in gewissem Sinne „ein Brief“ an meinen Vater, aber in bildlicher Form.

Gibt es noch ein Publikum für Kunst im Libanon?

CH: Ich habe lange überlegt, ob ich „Letter to the Father“ in Beirut zeigen soll. Im Hintergrund stand die Frage, ob es moralisch vertretbar ist, solch ein persönliches Thema an ein Publikum heranzutragen, das eigentlich ganz andere Probleme hat. Außerdem waren einige Galerien durch die Explosion zerstört. Das Mina Image Centre, in dem schließlich „Letter to the Father“ ausgestellt wurde, war ebenfalls zum Teil zerstört. Zur Ausstellungseröffnung kamen viele Leute, da man auch das wiedereröffnete Zentrum sehen wollte. Aber von einer Rückkehr zur Normalität sind wir weit entfernt: Wegen der mangelnden Stromversorgung war meine Ausstellung nur an drei Tagen in der Woche für fünf Stunden geöffnet, d.°h. 15 Stunden pro Woche. Wenn man heute Kunst macht, tut man es leider ohne jegliche Erwartung, denn ein Großteil der Kunstinteressierten hat ganz andere Sorgen. Diese erwartungslose Haltung verlangsamt jedoch den Rhythmus, in dem neue Arbeiten entstehen, beträchtlich.

Zum Buch

Chaza Charafeddine ist 1964 in Tyros im südlichen Libanon geboren und in Beirut aufgewachsen. Sie hat Pädagogik und Tanz studiert, bevor sie zur Kunst und zum Schreiben fand; obwohl sie sich in vier Sprachen bewegt, verlässt sie sich beim Schreiben nur auf ihre erste Sprache, das Arabische. Mit ihrer Kunst bezieht sie stets Position und ist in Galerien weltweit vertreten. Ihre Texte sind in Anthologien und Magazinen erschienen. 2021 erschien in der Edition Converso ihre literarische Autobiografie „Beirut für wilde Mädchen“.

Das Interview führte Ina Weinrautner, Kunsthistorikerin, die in Beirut lebt und sich mit der lebendigen Kunst- und Literaturszene vor Ort, aber auch mit den weniger bekannten Seiten des Libanons und seiner Natur beschäftigt.



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